THE SELDOM SEEN KID
Ich habe mich sehr schwer getan mit der Rezension zur neuen Elbow. Eigentlich haben mich die CDs bisher
immer im Sturm erobert, lediglich Cast of Thousands hatte etwas länger gebraucht.
Die meisten Rezensionen, die ich bisher zu SELDOM SEEN KID im Internet und in der Musikpresse fand, sind
sehr angetan, nur zwei unzufriedene Hörer habe ich in den Tiefen des Internets ausgemacht.
Unc auch ich war anfangs alles andere als zufrieden mit der Platte. Aber bevor ich einen Verriss schreibe wollte
ich die Sache lieber noch etwas wirken lassen.
Und nun hat sich meine Meinung folgendermaßen entwickelt...
Starlings
Es fängt gemütlich blubbernd an, erinnert gar etwas an "Carpet Crawlers" von Genesis und zwar die Live-Version. Leise Vokalisen im
Hintergrund, zartes Klavier, leicht latinojazzig angehauchtes Schlagzeug, sehr sanft...
BÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHH, ein gewaltiger Akkord von...TROMPETEN!!
Ich habe wahrlich nichts gegen Schreckeinsätze, eigentlich liebe ich solche fiesen kleinen Scherze sogar, wenn ich an Gabriels "Darkness"
oder "Snooks" denke. Aber hier gibt es ein Problem: ich mag keine gellenden Trompeten. Oder "Tromm-petn"" wie ich für gewöhnlich frei
nach Schwejk derartige Bläsersätze nenne. Phil Collins nervt ja gelegentlich auf seinen Werken mit allerlei Schnätteretäng. Und im Gegensatz
dazu hatte ich bisher bei Elbow eigentlich das Gefühl, sie hätten ein gutes Händchen für Bläsersätze. "Bitten by the Tailfly" war völlig in
Ordnung, "Asleep in the Back" hat während eines Bläsersolos gar einen meiner Lieblingseffekte, nämlich Bässe, die am Ohr krabbeln.
Aber irgendwie befüchtetete ich schon einiges, als Garv -meiner Meinung nach zu oft- in seiner Sendung diesen zappeligen Titel von Teardrop
Explode spielte, wo mich die Bläser extrem nerven.
Nun gut. Diesmal sind es also Fanfaren-Bläser. Garv ist frisch verliebt, da traf ihn wohl Amors Pfeil wie eine Fanfare. Bei seiner Zeile "selfish,
stubborn and too old" konnte ich mir allerdings nicht verkneifen, die Fanfaren mit Amors Pfeil im Ischias-Nerv zu assozieren.
Inzwischen hab ich mir Starlings allerdings hübsch gehört und ich will nicht nur wegen ein paar Trompeten einen an sich schönen Titel nieder
machen. Der Text ist auch recht vergnüglich: "Wie kommt der Premier(-minister) dazu meine Einladung zu ignorieren!?"
Und oben erwähntes "selfish stubborn and too old" kann ich mittlerweile verdächtig nachfühlen, denn so wie der Protagonist in dem Lied sich
in eine junge Kellnerin verknallt hat so ergings mir einwenig in Griechenland, wenn ich im Gialos dem niedlichen Koch/Kellner Stratos
ansichtig wurde...
The Bones of You
Ein Turbowalzer. Diesmal gleich als zweiter Titel, wie einst auf "Asleep". Erinnert auch tatsächlich etwas an RED, aber auch "Mexican
Standoff", nur melancholischer.
Garv reizt bei diesem Lied die Tonleiter derart aus, dass es mich fast schon an die Altmeister von YES erinnert. Einwenig stören mich
allerdings die Chorgesänge im Refrain, sind mir irgendwie einen Hauch zu süßlich. Aber zum Glück kratzt auch eine derbe E-Gitarre
dazwischen.
Der Titel ist schön und typisch Elbow.
Aber für einen typischen Turbowalzer, wie ich ihn z.B. in Red oder Fugitive Motel so liebe ist er eher nicht. Eher ein Temperaments-Walzer wie
o.g. Mexican Standoff oder die B-Seite "Brave new Shave".
Im Text geht es darum wie ein Ohrwurm Erinnerungen in einem wecken kann, in diesem Falle an eine verflossene Liebe.
Bei Radio eins kam übrigens eine hochinteressante Musikanalyse zu diesem Lied.
Hört euch das mal an
Mirrorball
Sanftes Gitarrenzupfen und Klavier, interessanter Schlagzeugtakt und dann Garvs samtige Stimme.
Hier ist die Welt wieder in Ordnung, das sind Elbow wie ich sie kenne und liebe, geheimnisvoll und etwas melancholisch, selbst wenn der Text
eigentlich gut gelaunt ist.
Hier geht Garv noch mal etwas romantischer an seine frische Verliebtheit heran: "Ich gebe die Art von Küssen, die nicht einmal ein Baby
wecken würden auf das Gesicht, was mich um den Schlaf bringt..."
Er ist so verliebt, dass sich der Mond in eine Diskokugel und Martinshörner in Geigen verwandeln
(wenn ich an "Slipstream" von Jethro Tull denke,
gar nicht so abwegig!)
 Da kann das angesprochene Mädel - sein Sweetheart Emma? - aber stolz sein!
Ein Glück, dass Guy nicht herzgebrochen oder traurig sein muss um schöne Lieder zu schreiben. Und auch seine Herren Bandkumpels sind
zum Glück auch als glückliche Pappis immer noch in der Lage, gute Musik zu schreiben; die Klaviermelodie ist wirklich besonders.
Grounds for Divorce
Dass Elbow durchaus auch Blues spielen können, haben sie ja schon beim "Long war shuffle" gezeigt und dass sie so rocken können, dass den
Lederjackenträgern das Bierglas aus der Hand fällt bewiesen sie ja u.a. bei "A good day" oder ihrem coolen Cover von Black Sabbaths "The
Wizard".
Hier legen Elbow los, dass meine alten Lieblinge von Tesla und Cinderella große Augen machen würden...*grins* (und Fredchen wohl Schiss
vor Jupp bekäme...wie war das doch damals mit den zusätzlichen Schlagzeugern auf den Cinderellaplatten...? ;-) )
Man kann es natürlich auch mit den guten alten Led Zeppelin vergleichen, an die sich Elbow auch schon ab und zu anlehnten (z.B. bei "Munroe
Kelly")
Anfangs noch Slidegitarren, dann ein krachendes Hardrockriff.
Aber irgendwie trotzdem typisch Elbow. Bei "Fallen Angel" konnte man ja auch schon herzhaft mitstampfen.
Garv berichtet von einem "Loch in der Nachbarschaft" in das er immer wieder "hineinfällt", sprich, die Kneipe, in der er immer wieder
abstürzt...
An Audience with the Pope
Zu diesem Lied sagte Garv, es würde klingen als wäre James Bond ein sich vom Katholizismus erholender Mancunier.
Anfangs hat mich dieses Lied auch ziemlich irritiert, weil es alles andere als rockig ist. Aber dann habe ich mich an "Saint Tropez" von Pink
Floyd erinnert und versucht, das Lied nicht zu bierernst zu nehmen. Dann begann es mir zu gefallen. Es ist witzig.
"Ich habe eine Audience beim Papst und ich rette die Welt um 8, aber wenn sie (das Liebchen) sagt, sie braucht mich, müssen alle anderen
warten...!"
Weather to Fly
Am Anfang tiriliert Garv im himmelhohen Falsett, dann setzt wieder ein recht origineller Schlagzeugtakt ein (der übrigens zum Teil gar nicht
auf den Drums sondern auf dem KLAVIER gespielt wird!)
Guy singt davon wie sich seine Band einst zusammenfand.
Eine recht hübsche Ballade, einige Rezensenten fanden sie geradezu traumhaft. Ich persönlich finde sie letztlich doch ein bißchen unscheinbar.
Mirrorball gefällt mir weitaus besser. Die Bläser sind allerdings wieder so wie ich sie von Elbow gewöhnt bin: dezent.
The Loneliness of a Towercrane Driver
Und noch ein Titel nach typischer Elbow-Art. Langsamer Blueswalzer, der zwischendurch kurz geheimnisvoll klängflächig wird und einmal
glaube ich gar ein MELLOTRON zu hören!
Das Lied ist inspiriert von einem Turmdrehkranfahrer, der zunächst schwärmte, was er alles für Komfort in seiner Krankabine hat
(Mikrowelle, Fernseher, Kloh...) doch allmählich sickert durch, dass er furchtbar einsam ist.
Garv singt erst tief, dann steigert er sich derart, dass es wieder mal meinen inneren Fluss über die Ufer schwappen läßt. Der arme einsame
Turmdrehkranfahrer muss ja wirklich einen Eindruck auf Garv hinterlassen haben, dass er ihn derart ergreifend besingt.
The Fix
Und das ist das Duett mit Richard Hawley. Der Anfang erinnert an "Brave new shave", dann wird das Lied allerdings wieder eher seltsam
unrockig und ist wohl auch so augenzwinkernd aufzufassen wie "Audience with the Pope". ich war ja anfangs schon skeptisch, weil mir
Hawleys Gesangsstil nicht wirklich zusagt. Aber es kommt doch recht sympathisch. Besonders durch den stimmlichen Gegensatz: Hawley mit
erdigem Bariton und Garv im himmlischen Tenor.
Spätestens bei den spagettiwesterverdächtigen Hintergrundgesängen merkt man, dass das Lied auch eher witzig ist..
Allerdings klingt es schon eher wie ein Hawley-Titel als wie ein Elbow-Titel.
Some Riot
Arbeitstitel dieses Liedes "Brambles".
Es ist jetzt doch etwas ausführlicher geworden als die Version, die Guy und Craig bisher zu spielen pflegten.
Mir gefällt ja nach wie vor die Urversion aus Amsterdam am Besten, so wie Garv da aufheult, hat er es nie wieder gesungen.
Einem Interview in der Visions nach ist das Lied auch gar nicht, wie ich erst dachte, über den toten Freund Bryan Glancy sondern über einen
anderen Freund, der mit übermäßigem Alkoholkonsum Guy und Co. beunruhigte. Und Guy gab jetzt sogar zu, dass es zwischen den Zeilen
auch über ihn selbst ist, da er ja selber nicht gerade Abstinenzler ist...
One Day like this
Das muss wohl dieser epische Titel sein, von dem Garv erzählte und als Beispiel "Dry the Rain" von der Beta Band spielte. Es ähnelt Ribcage
und Grace under Pressure und gefällt mir nicht so richtig. Es ist mir etwas zu flach. Sicher, es ist ohnehin als Stadiongröhler gedacht, aber mir
gefällt der Gedanke eh nicht so recht, dass Elbow so auf Festivals stehen. Die können sich ja vor Sturm, Regen und Matsch in ihren Tourbus
flüchten, da ist es leicht, ein Festival geil zu finden.
Der Text des Liedes ist allerdings recht schön und bei der Zeile "laugh politely at repeats" muss ich grinsen, denn Garv erzählte schon
desöfteren, dass seine Freundin immer noch an den selben Stellen lacht, wenn Garv zum wiederholten Male etwas erzählt und wenn ich mir
überlege WIE er es erzählt ist es kein Wunder....
Die Wiederholungen im Lied am Ende sind allerdings etwas langatmig und etwas SEHR bei "Hey Jude" geklaut.
Friend of ours
Anfangs file es mir sehr schwer, mich zu erinnern wie dieser Titel ging. Zu auffällig und ohrwurmig war der Titel davor. Es summt einem
immer noch im Ohr "draw the curtains wide..." und da geht dieser Titel irgendwie unter. Schade eigentlich, es ist eine sehr zarte zerbrechliche
Ballade über Bryan Glancy. Und so wie Garv "Luv you mate" haucht, ahnt man, wie sehr er Glancy gemocht haben muss...
We're away
(Bonustrack UK und auf der 2009er Edition der CD)
Wüsste ich nicht, dass auch dieser Titel eine Elbow-Komposition ist  würde ich vermuten, Garv und seine Jungs haben einen alten
Jazz-Traditional von Ella F. oder ähnlichem interpretiert.
Textlich erinnert es mich an "Poison Street" von New Model Army: das Paar ist so verliebt, dass selbst die wüstesten Zeitungsschlagzeilen sie
nicht beunruhigen können.
Zusammenfassung:
Die Platte war ja als "Darker and Heavier" angekündigt. Vielleicht hat sie mich deshalb am Anfang etwas verunsichert, denn "Audience..."
und "The Fix" sind alles andere als "dark"
"Heavier" hatte ich allerdings wohl gründlich mißverstanden, es hat definitiv nichts mit "Heavy Metal" zu tun *erröt*
Mir gefallen die anderen Elbow-CDs zwar nach wie vor besser, aber schlecht ist diese Platte nicht. Und "Mirrorball" und "Towercrane
Driver" können sich schon mit meinen alten Lieblingslieder messen.
Schade nur, dass diesmal keine DVD mitgeliefert wird, auch die Videos haben mir bei der Cast of Thousands einige Lieder sympathischer
gemacht als sie mir anfangs waren (Ribcage)
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