Leaders of the Free World (CD)
Station Approach
Es fängt gemütlich an, für Elbow-Verhältnisse fröhlich. Erinnert einwenig am Anfang an OMDs "Talking loud and clear" (und das
Tamburin irgendwie entfernt an die Live-Version von Genesis' "Throwing it all away", aber das wohl nur für Megaanoraks wie mich). Und
das wundervoll schläfrige Mantra erinnert an das gute alte "Any day now", nur eben heiterer. Geht ja auch ums Gegenteil, nicht mehr "nix
wie weg" sondern "schön, wieder daheim".
Aber Elbow wären nicht Elbow wenn nicht irgendwann die Falle zuschnappt: BUMM ZACK BUMM ZACK!! Was für ein geiler Beat, ein
richtiger kleiner Stampfer! Wenn Elbow fröhlich sind, dann so richtig! *aufgekratztmitstampf* Leider ist der Stampfteil irgendwie zu
kurz...ich hab noch nie so kurze viereinhalb Minuten gehört...;-)
Und  dass das Lied einen krummen Takt hat ist mir auch erst viel später aufgefallen! Gabe hätte seine helle Freude daran... erstaunlich wie
gut man nach einem 10-Achtel stampfen kann...
Picky Bugger
Jetzt sind sie etwas cooler als gewöhnlich. Erinnert mich einwenig an die späten Blur. Wohl nicht ganz abwegig, die hatten doch auch
häufig mit Ben Hillier zu tun. Garv reizt seinen Stimmumfang voll aus, in der Strophe sein übliches schläfriges Brummen und im Refrain
tiriliert er herrlich angerostet in Tonhöhen, in die sich höchstens noch Peter Gabriel traut. Die offiziellen Rezensenten verglichen ihn da mit
Thom Yorke oder Tom Waits; was den von den Stimmbändern bröckelnden Putz betrifft wohl eher letzteren. Yorkie ist ja mehr ein
Schluchzer, der immerhin noch genug Wahnsinn in der Stimme hat um nicht ins weichliche Keane-Lager abzudriften. Aber zurück zu
Elbow.
Habe übrigens zunächst den Titel als "Picky BURGER" gelesen *huch errröt*, ich eß doch gar nicht sowas und Garve als Veggie sicher
auch nicht...der leicht absurde Titel ist übrigens ein nicht abgeänderter Arbeitstitel und könnte inetwa mit "gezupfter Schuft" übersetzt oder
auch mit "mäkliger Mistkerl"
Forget Myself
Schon wieder ein Stampfer! Jetzt lässt rhythmisch wirklich der gute alte Gabe grüßen! Schöner Ohrwurm, aber für die ganzen Weichei-
sender trotzdem zu widerborstig. Aber Elbow ist für die ganzen Kinderpseudopunkrocksender eh viel zu schade. Warum allerdings nicht
mal die ach so independen Motor Fm das Ding rauf und runter spielen ist mir nach zwei Jahren, die ich das Lied kenne ein Rätsel. Und sie
machen mittlerweile ähnliche Unsitten wie Star Fm, nämlich jeden Tag dasselbe spielen. Aber das ist wohl eine normale Radiokrankheit,
selbst der Garv wiederholte sich bei seiner Payola Show, aber wenigstens mit ausgefallenen Stücken wie "Havoc in Heaven" von Jesca
Hoop oder den wundervoll krachigen Mississippi Witch. Wäre doch eigentlich auch was für den "Rock"-Sender, wenn sie sich immerhin
auf die "rasenden armenischen Wildsäue" von System of a down einlassen...aber ich schweife schon wieder ab wie ein gewisser
Hildegunst...wo waren wir...ja, richtig...gabrielischer Ohrwurm. Ja. Im Text geht es um das allwochenendliche Kampftrinken in
Manchester und einen nicht besonders sympathischen Türsteher, der wie eine Mischung aus Petrus und Buddha vor der Tür steht.
Arbeitstitel dieses Liedes "Buddha with Mace". Wurde nicht verwendet, weil die Plattenfirma(?) Angst hatte man könne den Buddhisten auf
den Schlips treten, aber ich kenne sogar eine(n) Buddhisten der/die auf Elbow abfährt (konnte aus dem buddhistischen Pseudonym leider
nicht herauslesen ob es eine Frau oder ein Mann war...)
Auch der extrem tiefe synthetische Basston am Ende klingt verdächtig nach Real World Studios...wie war das doch mit der Bass-Box beim
Gabe-Konzert die sich plötzlich wie ein Ventilator anfühlte, als Mr. Levin sein Bass-Keyboard betätigte...*grins*
jaja, Gabe hat nich umsonst Elbow beauftragt, sein "More than this" zu remixen.
The Stops
Die erste Ballade. Hab seltsamerweise erst beim DRITTEN Hören gemerkt, dass es ein von mir so sehnsüchtig erwarteter "Turbowalzer"
ist, vielleicht weil es doch schon eher ein Shuffle ist. Aber die wundervolle Elbow-Melancholie hab ich sofort geschnallt, diese schönen
ungewöhnlichen Akkordfolgen jenseits von Gitarrenschule für Möchtegern-Bob-Dylans und diese Melodien, die irgendwie weder Dur noch
Moll sind und wie ich sie eigentlich nur aus den frühen Siebzigern kenne, lange vor den Samstagnacht-Fieberkrämpfen!! Irgendwo
verstrickt zwischen Meereswellen auf Lamienteichen und floydschen Seufzern auf dem Weg zur Sonne. Und es erinnert mich auch noch
ganz stark an Justin Sullivans "Sentry"...ist Garvs Ex-Freundin Edith vielleicht ein heimlicher NMA-Fan? Immerhin vermisst sie die See
wie Justin in "Marry the Sea" *grins*
Leaders of the Free World
Dieses zeppige Schlagzeug am Anfang sollten die Jungs noch mal aufgreifen. Das ist doch ein viel zu geiler Groove um ihn als Gag
zwischendurch reinzuquetschen.
Ansonsten schon wieder ein Stampfer. Diesmal aber wieder Elbow-typischer, einwenig wie bei "Fallen Angel".
Sogar ein kleines Gitarrensolo ist drin, gespielt nicht etwa von Potts sondern vom Garv, wie der nicht ohne Stolz einem niederländischen
Interviewer berichtete.
"Passing the gun from father to feckless son"...mir deucht dat kenn ick! Die Zeile tauchte doch so ähnlich schon in dem Geheimtitel
zwischen "Fugitive Motel" und "Snooks" auf.
Der Titel ist auch recht ohrwurmverdächtig und die gekürzte Singleversion lief immerhin gelegentlich bei Motor Fm. Immerhin.
Garv sagt übrigens, dass dieses Lied kein Protestsong ist sondern eher im Sinne "Keine Lust mehr Angst zu haben". Er hat bei diesem
niederländischen Interview auch einige sehr schöne kluge Sachen zu diesem heiklen Thema "Achse des Bösen" ect. gesagt.
An imagined Affair
Und wieder sanfte Traurigkeit. Diesmal einwenig zugänglicher. Mit der Ballade hätten sie vielleicht die Weicheier hartkochen können, hat
auch keinen Schockschluß wie "Powderblue", allerdings ist das so eine zweischneidige Sache...womöglich wären Elbow dann verdonnert,
nur solche Balladen zu schreiben und das wäre schade. Es ist mir nämlich für meinen Geschmack etwas zu brav. Obwohl es mir textlich
außerordentlich vertraut vorkommt. Garv kennt also auch meine Spezialstrecke: die platonische Liebe. Und die letzte Zeile ist wieder so
schön rabenschwarz britisch: "...ich trinke bis der Türmann zum Weihnachtsbaum wird..." *augenrauswälz* mach das aber nicht zu oft,
Garve! Egal wie dein armes zerlöchertes Herz wehtut...nicht dass du endest wie Bonz....*erschrocken den Gedanken verdräng*
Mexican Standoff
Und schon wieder ein temperamentvollerer Titel in Dur. Und lauern da etwa ihre ganz alten Zeiten, als sie noch Soft hießen? Leicht latino-
angehauchter Turbowalzer mit knorrigem Bass *grins*
War dieser Ex ein Typ Gewichtsklasse Johnny Depp, dass er den Garv so aus der Bahn warf?! Aber wenn die Madam diesen Superkerl
für den Garv verlassen hat, da muss er doch was gehabt haben, dass der Ex trotz seines "besseren Aussehens" nicht hatte! Aber das weiß
der Garv ja bestimmt selber, seinem herzlichen Gelächter nach bei dem niederländischen Interview. Hat sich ja auch über sich selber lustig
gemacht, dass er aufn Ex eifersüchtig war. Ist eigentlich eine Meise, die angeblich hauptsächlich Frauen haben...
Und wieder ein kleines aber temperamentvolles Gitarrensolo, ebenfalls vom Garve gespielt...der ist wohl ein verkappter Leadklampfer (naja,
wer am selben Tag Geburtstag hat wie Gilmi...)
Die komischen Geräusche am Anfang des Liedes stammen übrigens von einem Fahrrad(!) an das die Jungs Bierdosenverschlüsse (!!)
geheftet haben und mit diesem Gerät eine Gitarre (!!!) gespielt haben...kein Wunder, dass der kleine Sohn vom Schlagzeuger sich beeumelt
vor Lachen...erinnert mich irgendwie an Gabe und seine Fairlight CMI-Spielereien..."one two three four...KLIRR...hysterischkicher"
The Everthere
Laut Garvs Auskunft eine melancholischere Variante von "When I'm 64". Schöne Umschreibung fürs Grau-werden: mehr Salz als Pfeffer
im Haar. Und wieder diese seltsamen Schwankungen zwischen Dur und Moll. Und eine seltsame Ähnlichkeit mit "Out of Time" von Blur,.
ein Lied, wo ich übrigens damals dachte: "huch...stehn die Jungs etwa auf Elbow?" Muss wohl auch wieder mit Ben Hillier
zusammenhängen. Garv hat sogar jenen Blur-Titel öfters bei sich im Payola-Programm und wie's der Zufall so wollte am 6.8.2006 auch
diesen Elbow-Titel, zwar nicht im Zusammenhang aber verdächtig isses schon...;-)
Das Banjo spielt Garv (hat er in o.g. Radiosendung erzählt)
My very Best
Ich liebe diese Nicht-Moll-nicht-Dur-aber-doch-eher-Moll-Akkorde. Musik für regnerische Abende wo man das Heulventil öffnet und sich
hinterher wohler fühlt *schnüff* da sind die Streicher und da sind die Tränen. Das ist der Nachfolger von Fugitive Motel (wenn auch kein
Turbowalzer)...wo sind meine Taschentücher? *schluchz*
Und wieder soe eine typische Garve-Poesie "...du bist gegangen und hast ein schönes Loch in meinem Herzen hinterlassen..."
Es fasziniert mich immer wieder , wie manche Künstler es anstellen, eine Dur so traurig klingen zu lassen. "Nobody Home" von Pink Floyd
ist auch so ein Exemplar!
Great Expectations
Und da ist er, DER Turbowalzer auf den ich die ganze Zeit gelauert habe; Entangled, Pacidy, Shine on your crazy diamond...es geht doch
nichts über den gabrielisch-gilmourschen Blueswalzer, wiederbelebt von den göttlichen Elbow! Warum hört man sowas Schönes nicht bei
Star Fm?! Schmeißt diese verdammten Kindergartenpunks und Weichballadenwinsler raus und zeigt den Hörern, dass es neben dem
niedlich-traurigen "ohhhh yea" von Coldplay auch andere sanfte Melancholiker gibt! Und jetzt versteh ich auch warum Garv bei dem
Konzert in Berlin bei "Can't stop" gewackelt hat wie ein hospitalistischer Grizzly: wir sind hier schließlich nicht beim Mutantenstadl!! Nach
einem Turbowalzer schunkelt man vorwärts! (Nicht übel nehmen, ich liebe Garvs tapsige Art!)
Und wenn ich den Text verfolge hab ich das Gefühl, es gäbe nichts romantischeres als in einem Linienbus zu heiraten...falls ich jemals
heiraten sollte, fahr ich vielleicht mitm Bus zum Standesamt und mach 'ne Vortrauung mit 'ner Zoo-Strichbiene und Union vs. Herta...
Und welcher Gedanke mich im Zusammenhang mit diesem Lied auch nicht los läßt: warum haben Elbow für ihren absolut UK-regionalen
Samplerbeitrag "B*ll*cks to Cancer" ausgerechnet die Berliner Live-Version dieses Liedes genommen...ob es vielleicht wirklich ein kleines
Zwinkern in meine Richtung war, weil ich doch gerade dem Krebsmonster in die Nüsse getreten hab...
Puncture Repair
Sanftes, irgendwie klassisches Klavier auf den Spuren von Schumanns "Kinderszenen" und kratzige, irgendwie live klingende Stimme,
stimmt ja, haben sie doch bei Craig im Zimmer aufgenommen an seinem schönen Klavier, was sie schon mal ins Studio gehievt haben um
den richtigen Sound zu bekommen...
Was den Garv wohl so gequält hat, dass er in aller Hergottsfrühe Jupp anrief und um Seelenhilfe flehte? Ich seh ihn richtig vor mir, wie er
sich im Bett hin und her wälzt und mit rotgeweinten Augen an die Decke starrt und schließlich zum Telefon greift...
An dieser Stelle ein dickes Danke an Jupp und Familie, dass sie den Garv trösten konnten...wer weiß was der sonst angestellt hätte...ich
verstehe zwar die Zeile "I nearly wore the window through" nicht so recht, aber das klingt fatal nach der Sache mit der falschen Seite der
Balkonbrüstung!!

Schade, dass die CD jetzt schon zu Ende ist, aber 49 Minuten sind alle Mal guter Durchschnitt, zu LP-Zeiten wäre das eine Überlänge!!
Was hab ich mcih gequält, die Seiten 3 und 4 der "Lamb lies down on Broadway" auf Seite 2 einer 90er-Kassette zu quetschen!!
Zusammenfassung:
Diese CD ist recht temperamentvoll und eingängig ohne platt zu klingen. Aber auch klassische Elbowstile finden sich hier, wie eben der
gewisse "Turbowalzer"
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